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Mitteldeutsche Zeitung" vom 27.09.1997
"Die Menschen hatten keine Chance"
Fallschirmspringer stirbt nach Absturz und reißt drei Fußballfans in den Tod - Betroffenheit unter den 10 000 Zuschauern
Halle/MZ. Um 20.20 Uhr wurde es gestern finster im Kurt-Wabbel-Stadion. Während die für das Lokalderby HFC-VfL 96 in Gang gebrachte Flutlichtanlage erlosch, strichen vor dem Eingang Kantstraße die Lichtkegel dutzender Taschenlampen über den Gehweg. Kriminaltechniker und Vertreter der Staatsanwaltschaft suchten nach Spuren der Katastrophe, die eine knappe Stunde zuvor die Vorfreude Tausender Fans binnen Minuten in Trauer und Bestürzung verwandelt hatte.
Die unfaßbare Nachricht war von 19.17 Uhr an wie ein Lauffeuer durch die Ränge gegangen: Ein im Stadion erwarteter Fallschirmspringer, dessen Schirm sich nicht vollständig geöffnet hatte, soll in eine Gruppe von Zuschauern gestürzt sein und dabei einen weiteren Menschen in den Tod gerissen haben. Um 19.40 Uhr wurde die unglaublich erscheinende Hiobsbotschaft zur Gewissheit. Der Stadionsprecher verkündete, das Spiel werde verschoben, weil es zwei Tote und zwei Schwerletzte gegeben habe. Die Schreckensbilanz sollte sich jedoch weiter erhöhen.
Die beiden Schwerverletzten, um deren Leben Rettungsärzte bereits am Unglücksort mit allen Mitteln gekämpft hatten, starben noch am Abend. Die Opfer des schwersten Unglücks in der Geschichte sowohl des halleschen Fußballs als auch des Fallschirmsports in der Region hatten Augenzeugen zufolge kein Chance gehabt. "Etwa zwei Sekunden lang war ein Zischen zu hören, dann war schon alles zu spät", berichtete ein Mann, der nur 20 Meter von der Absturzstelle entfernt auf den Einlaß gewartet hatte. Vor der Kassenreihe in der Kantstraße hatten zum Zeitpunkt der Katastrophe noch zahlreiche Fans nach Karten angestanden. "Die Gruppe, in die der Springer stürzte, war vielleicht 100 Mann stark", so der geschockte Zeuge.
Auch im Stadion, wo wenig später die neun mit dem Verunglückten gemeinsam abgesprungenen Fallschirmsportler landeten, war das Geschehen nicht unbemerkt geblieben. Viele der etwa 10 000 Besucher hatten ihre Blicke gen Himmel gerichtet, um die angekündigte Ankunft des Balls aus der Luft mitzuverfolgen. "Ich sah gerade noch, daß sich offenbar der Schirm um die Beine eines Springers gewickelt hatte, dann war auch auf der Tribüne ein Aufschlag zu hören", sagte ein Besucher, der bereits auf dem Rang dem für 19.30 Uhr angesetzten Anpiff entgegenfieberte.
Die Vorfreude auf das Oberliga-Duell war fortan vergessen. Spieler, Zuschauer und die Kameraden des verunglückten Springers waren von Fassungslosigkeit gekennzeichnet. Nur einzelne Betrunkene versuchten, sich gegenseitig zur Randale anzustacheln. Als der zunächst verwirrt wirkende Stadionsprecher schließlich die Verschiebung des Spiels verkündete, wurde dies von den Besuchern mehrheitlich mit Applaus quittiert. Auch der anschließende Abmarsch aus dem Stadion verlief reibungslos und friedlich. Kritik wurde an den Betreibern der Getränkestände laut, die noch nach der schrecklichen Nachricht Bier verkauften.
An dem weiträumig abgesperrten Unglücksort ließen sich noch längere Zeit unter Schock stehende Augenzeugen versorgen. Die Verletzten - Sanitäter sprachen von mehr als einem Dutzend - waren bereits Minuten nach der Katastrophe in Krankenhäuser gefahren worden. Die Leichen der auf der Stelle getöteten Opfer blieben bis zum Eintreffen von Kripo und Staatsanwaltschaft zugedeckt liegen. Nach Angaben der Polizei sind alle vier Toten Männer. Informationen, die der MZ mittlerweile vorliegen, besagen, daß es sich bei dem verunglückten Fallschirmspringer um Matthias Becker handelt. Der Mann, der beim Fallschirmsportclub Oppin (FSC) als Fluglehrer tätig war, verfügte bereits über langjährige Erfahrung. Während eine Stunde nach dem Unglück die ersten Angehörigen der Opfer am Stadion eintrafen und sofort von Psychologen betreut wurden, liefen die Ermittlungen der Polizei bereits auf Hochtouren. Die Fallschirmspringer und der Pilot der AN-2 wurden umgehend zu den Umständen des verhängnisvollen Sprungs befragt. Noch in der Nacht kamen die eilends herbeigerufenen Experten des Braunschweiger Bundesluftfahrtamtes in Halle an. Sie suchen nun gemeinsam mit der Kripo der Saalestadt nach der Ursache der verheerenden Katastrophe