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Mitteldeutsche Zeitung" vom 29.09.1997
Eine Stadt ist wie gelähmt
Zwei Tage nach dem tragischen Tod von vier Männern bleibt die Absturzursache unklar - Fallschirmspringer kämpfte bis zuletzt
Halle/MZ.Am Ende schließen sie die Tür von innen ab. Zu aufdringlich sind die Fernsehkameras und zu hartnäckig die Fotografen, als daß die Krisensitzung in Ruhe stattfinden könnte. Selbst durch die Scheiben wird geblitzt. Und dennoch: Die, die an diesem Sonnabend vormittag trotz des Presserummels in den Vereinsraum nach Oppin geeilt sind, wollen eines: gemeinsam darüber reden, wie es zu dem tragischen Unglück vom Freitag abend konnte.
"Aber natürlich wissen wir nichts Genaues", erzählt Fallschirmspringer Jens Muschner Stunden später. "Wir sind bestürzt", sagt er, "und wir werden den Familien aller Opfer jegliche Hilfe zuteil werden lassen."
Wie überall in Halle herrscht an diesem Wochenende auch beim Fallschirm-Sportclub (FSC) Oppin vor allem eines: Ratlosigkeit. Noch vermag niemand zu sagen, wie es zu dem Absturz eines erfahrenen Fallschirmspringers und dem damit verbundenen Tod dreier Fußballzuschauer kommen konnte. "Wir durften selbst nicht an die abgesperrte Unfallstelle, haben den Fallschirm danach nicht mehr gesehen", beschreibt der 25jährige Muschner den Freitagabend. Ob ein technischer Defekt die Ursache dafür war, daß vier Menschen sterben mußten, bleibt mindestens bis heute offen. Frühestens dann wird das Braunschweiger Luftfahrtbundesamt seine Untersuchungsergebnisse bekanntgeben. Alles andere wäre Spekulation.
Es sind zehn Männer, die am Freitag abend in Merseburg in eine in Polen gebaute AN-2 steigen. Dort steht die Maschine üblicherweise, weil die Miete in der einstigen Mig-Halle günstig ist. Vom ehemaligen Militärflughafen aus fliegt sie in Richtung Halle. Ein Schauspringen über dem Kurt-Wabbel-Stadion ist geplant. Nichts Ungewöhnliches - die Oppiner werden oft für spektakuläre Veranstaltungen verpflichtet. Landesmeister, Deutsche Meister, Weltmeister: Der Klub hat einen Namen und prominente Mitglieder. Und Halle freut sich an diesem Abend zugleich auf das erste wirklich große Fußball-Ortsderby seit Jahren. Es sind die Besten und Erfahrensten des Klubs, die in der Maschine einen Platz erhalten haben. Nicht jeder im FSC darf an solchen Springen teilnehmen. In einem Stadion ist die Landefläche zwar groß, aber die Stadt ist dunkel, und das Flutlicht erschwert die Sicht. "Alle hatten aber jahrelange Erfahrung", sagt auch der Vereinsvorsitzende Sven Ullrich, bevor er achselzuckend hinzufügt: "Vor drei Tagen hätte ich es noch für unmöglich erklärt, daß ein Fallschirmspringer drei Unbeteiligte in den Tod reißen kann." Es ist windstill an diesem Abend, und die Maschine fliegt deshalb direkt über das hell erleuchtete Stadion. Spätestens um 19.30 Uhr muß gesprungen werden - länger als bis eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang darf die Maschine nicht in der Luft sein. Um 19.17 Uhr hat der Pilot das Stadion erreicht. In 1.100 Metern, der regulären Höhe für Schauspringen, wird die Tür geöffnet. Matthias Becker steigt als erster der beiden Fünfer-Staffeln aus. "Als Ausbilder mit mehreren Hundert Sprüngen war er unser erfahrenster Mann", sagt Jens Muschner, "aber auch sein Gewicht von 80 Kilogramm war dafür geeignet, zuerst zu springen." Denn der, der zuerst springt, muß länger fallen als die, die ihm folgen. Was dann in den nächsten Sekunden mit Matthias Becker, einem 37jährigen Vater von drei Kindern, geschieht, weiß niemand. Der Sprungleiter beobachtet ihn, sieht, wie er bis zuletzt versucht, die Schirme zu öffnen. "Er war auf keinen Fall ohnmächtig, sondern hat alles versucht", sagt Springer Jens Muschner, der kurz nach ihm aus dem Flugzeug steigt. Warum er nicht schreit, warum er deshalb nicht bemerkt wird am Boden - auch das kann niemand sagen.
Ein technisches Unglück? In zwei bis drei von 1 000 Sprüngen, so sagen die Fallschirmsportler, öffnet sich der Hauptschirm nicht. Doch normalerweise ist das kein Problem. Jeder Springer hat eine Trennvorrichtung, mit der er diesen Schirm abwerfen und anschließend seinen Reserveschirm aktivieren kann. Der Schirm ist das als sehr solide geltende und zwölf Kilogramm schwere Modell RL 16/3 aus dem sächsischen Seifhennersdorf, mit dem Becker springt. Der ein Gütesiegel für zwei Jahre trägt. Der 14 Jahre genutzt werden darf und erst sieben alt ist. Und: Beide Schirme hat Becker selbst gepackt, auch der Reserveschirm ist vorschriftsmäßig jedes Vierteljahr neu zusammengelegt worden. "Matthias war ein sehr sicherheitskonservativer Springer", beschreibt ihn Präsident Sven Ullrich, "einer, der bei aller Routine immer noch auf jedes zusätzliche Detail achtete". Doch schon während des Sprungs, als sich das Desaster abzeichnet, meldet der Sprungleiter vom Boden über Funk an Bord, daß hier etwas nicht stimmen kann. Die Nachricht kommt sofort an: So wird der als letzter Mann vorgesehene Springer, Weltmeister Ronald Eilenstein, den Flieger gar nicht mehr verlassen. Mit ihm bleibt der Fußball an Bord der Maschine. Im Eingangsbereich geschieht schließlich das Unfaßbare. Hunderte Zuschauer stehen noch vor den geöffneten Kassenhäuschen, um das Spiel des Jahres zu erleben. Drei junge Männer aus der Schlange werden durch Matthias Becker mit einer Geschwindigkeit von etwa 150 Kilometern pro Stunde in den Tod gerissen. Ein 28jähriger Hallenser und der 18jährige Torwart der BVB-A-Jugend sind sofort tot. Ein 21jähriger stirbt wenig später. Das örtliche Nahverkehrsunternehmen Havag, bei dem er als Fahrer beschäftigt ist, setzt ein für Sonntag geplantes Betriebsfest ab. Halle ist an diesem Tag noch immer wie gelähmt. Und viele sind in ihrer Trauer unterwegs. VfL-Manager Peter Thiele besucht drei Verletzte im Krankenhaus und bekundet "im Namen des gesamten Vereins wie viele Fußballanhänger und Bürger tiefempfundenes Mitgefühl für die Hinterbliebenen der Opfer". Sportler und Fans legen Blumen vor dem Stadion nieder und zünden Kerzen an. Helfer bieten dem Verein Unterstützung an. Aber auch eine Kassiererin vom Stadion meldet sich und kritisiert, daß zu wenig Kassenhäuschen geöffnet waren. "Die Leute wurden dann richtig rabiat", so daß sich die Kassiererinnen mit dem Geld zur Polizei flüchteten. "Die Leute konnten doch nicht raus, weil noch immer welche rein wollten. Und vor allem, wenn sich das am Anfang nicht so gestaut hätte ...
"Wenn, immer nur wieder wenn an diesem Wochenende. So viele Fragen bleiben. Letztes Unglück 1994 genau wie 1988, als ein Mitglied der kubanischen Nationalmannschaft in der Gemeinde nördlich von Halle tödlich verunglückte. Oder vor drei Jahren, als ein 25jähriger Münchner bei seinem Absturz in Oppin ums Leben kam. In dieser Woche sollte ein Prozeß deswegen beginnen. Und Matthias Becker hätte ausgesagt. Denn er gilt als Profi, ist Hauptausbilder im Verein. Einer, der wie alle anderen 50 Klubmitglieder mindestens alle zwei Wochen zehn- bis zwölfmal springt. Und das seit Jahren, denn Becker hatte dieses Hobby schon vor 1989. Auch nach diesem Wochenende bleibt Ratlosigkeit. Ständig treffen Trauernde vor dem Stadion ein und verharren in Stille. Drei von vielen sind Stefan, Nicky und Patrick. Zum ersten Mal seit Jahren wollten sie am Freitag wieder ein HFC-Match besuchen. Nun aber sind die 16- und 17jährigen gekommen, um Blumen niederzulegen. Neben ihrem Strauß liegen ein Plüschteddy und ein Zettel: "Wir kannten Euch nicht, doch wir trauern um Euch vier".