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HISTORISCHES - DIE TRAGÖDIE IM KURT-WABBEL-STADION AM 26.09.1997

Mitteldeutsche Zeitung"Mitteldeutsche Zeitung" vom 30.09.1997

Flagge wurde Springer zum Verhängnis
Staatsanwaltschaft geht von menschlichem Versagen aus - HFC: Jede Hilfe für Hinterbliebene

Halle/MZ.Auch Winfried Wölfel war die Erregung noch immer anzumerken. "Es war eine Sponsorenfahne in einem Metallbehälter", erzählte der hallesche Oberstaatsanwalt, "die der Springer unter dem Reißverschluß auf der Brust trug". Doch dann geschah das Unfaßbare: "Die Flaggenleine, die falsch befestigt war, hat offensichtlich den ganzen Zugmechanismus des Hauptschirms blockiert."

Die Unglücksursache ist klar, doch auch vier Tage nach dem tragischen Fallschirmunglück vor halleschen Kurt-Wabbel-Stadion, bei dem vier junge Menschen starben, bleiben Fragen. Hatte der verunglückte Matthias Becker beim Sprung Sichtprobleme wegen des Flutlichtes? Hat er als erster Springer, der die längste Wegstrecke im freien Fall zurücklegen mußte, deshalb zu spät seinen Hauptschirm abgetrennt und den Reserveschirm aktiviert? Spielte vielleicht die psychische Belastung eine Rolle? Immerhin sollte sich der Hallenser ab morgen vor dem Amtsgericht Halle/Saalkreis verantworten - der Termin ist gestern aufgehoben worden. Becker und einem zweiten Angeklagten war vorgeworfen worden, für die fahrlässige Tötung eines Münchners vor drei Jahren deshalb verantwortlich zu sein, weil dessen Ausbildungszeit zu knapp bemessen gewesen sei.

Das ganze Wochenende hatten Ermittler von Polizei, Staatsanwaltschaft und Luftfahrt-Bundesamt fieberhaft das Geschehen rekonstruiert. Schon am Freitag abend erhielten die Experten erste deutliche Hinweise darauf, was die Unfallursache gewesen sein könnte. "Uns ist zugute gekommen, und dafür sind wir gelobt worden", so der Oberstaatsanwalt, "daß wir bis zum Eintreffen der Flugunfallexperten aus Braunschweig nichts verändert haben". Gestern morgen, nachdem haltlose Gerüchte über einen möglichen Alkoholgenuß die Runde machten, war sogar noch das Blut des toten Springers untersucht worden. "Alkohol konnte überhaupt nicht festgestellt werden", sagte Wölfel. Geprüft wurde auch, ob der Reserveschirm, der nicht vollständig geöffnet war, funktionierte. "Er war voll einsatzfähig."

Am Abend traten schließlich Präsidium und Vereinsführung des HFC vor die Mikrofone. Noch immer sichtlich bestürzt, bekundete Präsident Andreas Muth den Hinterbliebenen sein Mitleid. Er warnte aber auch vor einer überzogenen Diskussion: "Wer solche Rahmenprogamme diskutiert, stellt Fußballspiele überhaupt in Frage. Wenn wir auch nur winzige Bedenken gehabt hätten, hätten die Sprünge nicht stattgefunden." Muth wies Stimmen zurück, die Kritik wegen angeblich zu wenig geöffneter Kassenhäuschen geübt hatten. So seien bereits eine Woche vor dem Match zehn Vorverkaufsstellen und seit dem Morgen eine Tageskasse geöffnet gewesen. "Im fraglichen Bereich hatten acht Kassen geöffnet", sagte er. Vizepräsident Lutz Einsporn wurde deutlicher: "Wir dürfen keine Kausalität an den Haaren herbeiziehen." Über mögliche haftungsrechtliche Fragen ist Einsporn zufolge im Club noch nicht nachgedacht worden. "Wir haben zunächst erst einmal die Adressen der Hinterbliebenen ermittelt, um ihnen auf direktem Wege jegliche Hilfe zuteil werden zu lassen." Es gebe zugleich die Überlegung, bei Vorliegen einer Genehmigung an der Unglücksstelle eine Gedenktafel anzubringen und ein Benefizspiel durchzuführen. Ein erstes Angebot habe es bereits vom 1. FC Magdeburg gegeben. Einsporn kritisierte einzelne Journalisten. So seien zwei Reporter bei der Ehefrau des verunglückten Springers an der Wohnungstür erschienen und hätten diese, die noch nichts von dem Vorfall gewußt habe, um eine Stellungnahme gebeten.

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